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Dienstag 25.10.2022

Eintracht Braunschweig bezieht Position zur FIFA-WM in Katar

Offene Stellungnahme

Am 2. Dezember 2010 gab die FIFA in Zürich bekannt, dass die Endrunde der 22. Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 2022 im Emirat Katar ausgetragen wird. Diese Entscheidung wird bis heute aus verschiedenen Gründen von teils heftiger Kritik und Vorwürfen begleitet:

Das autokratisch regierte Emirat spielt im Weltfußball keine Rolle und verfügt weder über eine fußballerische Tradition und Fankultur noch über geeignete Stadien. Anfang 2020 wurde nachgewiesen, dass die Wahl entscheidend durch Bestechung mehrerer FIFA-Funktionäre zugunsten Katars beeinflusst worden war.

In Katar herrschen im Sommer Temperaturen von bis zu 50 Grad. Daher wurde 2015 beschlossen, die WM in die Wintermonate zu verlegen. Sie findet nun in der Zeit vom 20. November bis zum 18. Dezember 2022 statt. Trotzdem sind die Temperaturen immer noch so hoch, dass sämtliche Stadien temperiert, d.h. gekühlt werden müssen, damit Fußballspielen auf internationalem Niveau überhaupt möglich ist. Insgesamt belaufen sich die Ausgaben für die Ausrichtung der WM auf ein Gesamtvolumen von bis zu 50 Milliarden Dollar. Der immense Energieverbrauch und Schadstoffausstoß, welcher dadurch produziert wird, kann keineswegs als nachhaltig bezeichnet werden.

Im Wüstenstaat leben ca. 250.000 katarische Staatsbürger, aber insgesamt ca. 2,6 Millionen Menschen, davon sind ein großer Teil Arbeitsimmigrantinnen und Immigranten. Viele dieser Immigranten arbeiten seit Beginn der Bauarbeiten unter menschenunwürdigen und unfreien Bedingungen auf den Stadionbaustellen und wurden von katarischen Firmen ausgebeutet (sogenanntes Kafala-System, welches Gastarbeiter an einen privaten Bürgen bindet). Das bedeutet, es gab kaum freie Tage, sie wurden unterbezahlt und eine soziale Absicherung im Fall von Krankheit oder bei Unfällen gab es auch nicht. Die Arbeits- und Sicherheitsbedingungen auf den Baustellen waren so schlecht, dass nach Schätzungen sowohl von offiziellen Stellen als auch von Nichtregierungsorganisationen eine vierstellige Zahl der Arbeiter durch Arbeitsunfälle oder wegen körperlicher Überlastung ihr Leben verloren hat oder invalide geworden ist. Unter schlechten Arbeitsbedingungen ohne Urlaub oder einen freien Wochentag leidet auch das in großer Anzahl benötigte Sicherheitspersonal, welches sich ebenfalls zum größten Teil aus Arbeitsimmigranten rekrutiert. Immerhin wurde das Kalafa-System im Jahr 2020 formal abgeschafft, die schlechten Verhältnisse haben sich aber bis heute aufgrund der mangelnden staatlichen Umsetzung noch nicht ausreichend zum Positiven geändert.

Eine freie Pressearbeit im Land ist nicht möglich. Es gibt de facto eine Zensur, kritische Berichterstatter müssen damit rechnen, überwacht und im schlimmsten Falle eingesperrt zu werden.

Homosexuelle Handlungen stehen in Katar unter Strafe. Gleichberechtigung und Chancengleichheit für Frauen gibt es nicht. Die Verletzung geltender Vorschriften führt oftmals nicht nur zu einer Gefängnisstrafe, sondern auch zu einer Verurteilung zur körperlichen Züchtigung durch Peitschenhiebe.

Damit sind die wichtigsten Kritikpunkte rund um die Vergabe und das Veranstaltungsland benannt. Welche Haltung nehmen wir als Eintracht Braunschweig zu dieser WM ein? Wie wollen wir damit umgehen?

In unserem Leitbild sind die Werte Toleranz, Vielfalt und Respekt fest verankert. Wir sind traurig und wütend darüber, dass die Wahl zur Ausrichtung der WM 2022 offensichtlich manipuliert war und die FIFA nicht in der Lage oder willens gewesen ist, diese Wahlentscheidung zu annullieren. Daher geht kein Weg daran vorbei, dass sich der Fußball-Weltverband, wenn er seine Glaubwürdigkeit zurückgewinnen will, grundlegend reformieren muss. Die WM-Vergabe ist mittlerweile nicht nur zum Spielball kommerzieller, sondern auch politischer Interessen geworden. Anders lässt es sich nicht erklären, dass ein Land, welches über keine nennenswerte Fußballtradition verfügt, alle Mittel in Bewegung setzt, um den Zuschlag für das Turnier zu bekommen. Für Katar spielt neben der weltweiten Aufmerksamkeit wahrscheinlich auch die Absicht eine Rolle, sich als kleines, zwischen mächtigen Nachbarn eingeklemmtes Land, durch die Nähe zur westlichen Welt eine gewisse Sicherheit zu verschaffen.

Das Emirat muss bereit sein, seine Haltung zu Menschenrechtsfragen grundlegend zu überdenken und zu ändern, wenn es wirklich der weltweiten Fußballfamilie zugehörig sein möchte. Der Fußball hat die Fähigkeit, die Menschen rund um den Globus zusammen- und einander näherzubringen. Das gelingt aber nur dann, wenn alle Beteiligten die grundlegenden sportlichen Werte, Toleranz und Fairplay, beachten.

Die WM wird in Katar stattfinden, daran ist nichts mehr zu ändern.

Wir leben in einem freien Land, daher kann jeder selbst entscheiden, wie sie oder er mit dieser Tatsache umgeht. Wir haben uns dafür entschieden, nicht zu einem Boykott dieser Weltmeisterschaft aufzurufen. Boykottieren und Isolieren führt mit ziemlicher Sicherheit nicht zu einer Änderung der Situation in Katar. Wir sind der Überzeugung, dass nur durch einen ständigen kritischen Austausch und stetige Annäherung erreicht werden kann, dass in Katar nach und nach ein Bewusstseins- und Wertewandel einsetzt. Stattdessen rufen wir alle Verbände, Partner und Beteiligte an dieser WM dazu auf, so offensiv wie möglich auf sämtlichen Ebenen einen kritischen Dialog mit den Verantwortlichen vor Ort zu führen. Wir appellieren an Sie: „Seien Sie unbequem, setzen Sie sich immer wieder für die grundlegenden Werte ein, machen Sie deutlich, dass die Fußballwelt den Kataris auf die Finger schaut und versuchen Sie, ihnen klarzumachen, wofür der Fußball eigentlich steht“. Denn der Fußball sollte nicht Verbänden, kommerziellen Interessen oder Staaten gehören, sondern mitsamt seinen Werten, uns allen.

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