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Sonntag 08.07.2018

Eintrachts Wintersportler feiern am Rennsteig die „Sub12“

Deutschlands längster Staffellauf lockte zahlreiche Topsportler in den Thüringer Wald

(pl/jv) Im Eisenacher Stadtteil Hörschel, am Ufer der Werra gelegen, markiert ein großes weißes „R“ den Beginn des Rennsteigs. Der Rennsteig ist nicht nur ein alter Grenzweg in Thüringen, der als Kammweg entlang zahlreicher Berge und Hügel des Thüringer Waldes Ausblick auf das malerische Ambiente des Thüringer Mittelgebirges bietet, er ist zudem der älteste und meistbeschrittene Weitwanderweg Deutschlands.
Über knapp 170 km erstreckt sich der Rennsteig von Hörschel, bis er letztlich in Blankenstein an der Landesgrenze zu Bayern endet. Dort markiert die Selbitzbrücke das Ende dieses historischen Weges. Dazwischen führt der Rennsteig über jegliche denkbare Vegetation und Bebauung. Entlang einiger breiter Straßen und durch Dörfer führt der Weg, doch die Straßen weichen zumeist von der historischen Route ab. So führt der Rennsteig zumeist auf wurzeligen Pfaden durch bewaldete Gebiete, aber auch hügelige Wiesen säumen den Pfad. Ein toller Wanderweg, der zu gemütlichen Wanderungen einlädt.

Einmal im Jahr ist es aber schlagartig vorbei mit der Ruhe und Beschaulichkeit auf den Wanderpfaden. Stattdessen hält hektisches Treiben Einzug auf und um den Rennsteig herum. Rund 2300 Läufer und Läuferinnen, aufgestellt als Zehnerstaffel und begleitet von etlichen dutzend Mountainbikes hetzen über den Höhenwanderweg. Auf den wichtigsten Straßen, die den Rennsteig begleiten, bilden sich lange Staus, verursacht durch die Begleitfahrzeuge.
Eines wird bei diesem Anblick klar: Deutschlands längster Staffellauf verlangt nicht nur den Läufern alles ab, eine logistische Meisterleistung steckt hinter den gesamten Unterfangen.

Früh morgens ab 4 Uhr ist der Startort in Blankenstein – es wird entgegen der eigentlichen Richtung gelaufen – bereits rege belebt und bis spät in den Abend laufen die Teams in Hörschel ins Ziel: Nach 170 km und mindestes 10,5 Stunden Laufzeit. Wobei die Siegerzeit hier nicht als Maßstab genommen werden sollte. Bis um 23 Uhr kommen die einzelnen Mannschaften noch ins Ziel.
Für die meisten Mannschaften zählt weniger Zeit, ankommen alleine ist schon ein Erfolg. Denn das Startfeld zieht sich recht bald auseinander und so kommt es, dass manch Läufer oft kilometerlang alleine auf dem Rennsteig unterwegs ist. Wenn einem dann nach einigen hundert Metern Strecke wieder ein weißes „R“ – an Schildern oder an Bäumen gesprüht – begegnet, fällt manch einem ein Stein vom Herzen: Der eingeschlagene Weg ist noch der richtige.
Personell stärker besetzte Mannschaften leisten sich den Luxus eines Begleitfahrrads, das ein Verlaufen etwas unwahrscheinlicher, wenn auch nicht unmöglich macht.

Unserer Staffel aber ist dies nicht vergönnt. Zu dünn ist die Personaldecke in diesem Jahr. Wir Läufer selbst sind also selbst dafür verantwortlich, rechtzeitig zum Start zu kommen und gleichzeitig noch unsere Teamkameraden an der Strecke zu verpflegen. Ein organisatorischer Kraftakt.
Unsere Staffel – das sind im Wesentlichen die Langläufer von Eintracht Braunschweig. Neben Jan Voigt, der unsere Teilnahme zum wiederholten Male organisiert hat, sind das Fabian Hartig, Paul Lüneburg, Stefan Milch, Frank Leppla, Tobias Hartig und Lars Wichmann. Da es verletzungsbedingte Ausfälle und andere Widrigkeiten bei der Besetzung der Staffel zu überwinden galt, unterstützen uns in diesem Jahr drei externe Läufer: Zum einen Oliver Tesch und Sebastian Radecker vom Wolfenbüttler Laufclub „Blueliner“, zum anderen Konstantin Kniese vom Triathlon-Team Braunschweig.
Das dritte Jahr in Folge nehmen wir mit einer Staffel an diesem läuferischen Großereignis teil. Mit Platz 10 zum Debüt und Platz 8 im Folgejahr konnten beide Male eine Top10-Platzierung erlaufen werden. So soll es auch in diesem Jahr sein. Ändern soll sich hingegen die Laufzeit. Denn beide Male scheiterte man knapp an der 12-Stunden Grenze: 12:03:50 Std. vor zwei Jahren und 12:06:11 Std. im vergangenen Jahr. Im dritten Anlauf nun soll eine 11 an vorderster Stelle stehen.

Um 6 Uhr in der Früh erfolgt der Startschuss für unseren Startläufer Fabian Hartig. Spätestens wenn am Renntag Samstag früh um 4:15 Uhr der Wecker klingelt, fragt man sich als Läufer unweigerlich und vermutlich auch nicht ganz grundlos: „Warum tue ich mir das eigentlich an?“
Dabei trifft es die Männerstaffeln nicht einmal so hart wie die Frauen- oder Mixed-Staffeln, deren Start bereits eine Stunde eher, also um 5:00 Uhr erfolgt. Wirklich trösten kann einen der Gedanke aber nicht.
Nach schnellem Frühstück erreicht man den Start in Blankenstein um 5:15 Uhr. Die rund 80 Mixed- und Frauenteams sind da bereits unterwegs. Um Punkt 6 Uhr fällt dann auch der Startschuss für die übrigen 144 Männerstaffeln. Von Beginn an kann Fabian Hartig sich in der Spitzengruppe festsetzen. Obwohl es auf seiner 18 km langen Strecke fast nur bergauf geht – 465 Höhenmeter insgesamt – steht am Ende ein Kilometerschnitt von 3:50 Minuten/km zu Buche. Schneller war in diesem Jahr keiner in unserer Staffel. Die Verpflegung bleibt dabei auf der Strecke, denn Paul Lüneburg und Oliver Tesch, Läufer der Etappen 2 und 3, waren damit beschäftigt, rechtzeitig zur Wechselzone zu gelangen. Nicht alles funktioniert immer reibungslos.
Dennoch übergibt Fabian auf Platz 4 liegend an Paul Lüneburg, nur rund zweieinhalb Minuten hinter den Führenden. Auf Etappe 2 ordnet sich das Feld langsam, wie auf Etappe 1 wird auch hier noch zu einem großen Teil auf Asphalt gelaufen. Paul verliert zwar 3 Plätze, aber wir liegen voll im Soll. Nach knapp 2,5 Stunden übergibt er an Oliver Tesch, und der Blueliner setzt ein echtes Ausrufezeichen. Er läuft mit 13,5 km die kürzeste Etappe des Tages, am Ende wird es die Etappenbestzeit sein, niemand ist an diesem Tag schneller unterwegs auf diesem Teilstück.

Olli schickt nun mit Sebastian Radecker den nächsten Blueliner auf Etappe 4. Diese hat zwar eine ausgeglichene Höhenbilanz, ist aber trotzdem eine der Schwersten. Viele Anstiege in schmalen Hohlwegen zehren an den Kräften doch Sebastian hat andere Probleme. Eine unübersichtliche Abzweigung und schon ist es passiert, ohne es zu merken ist er nicht mehr auf dem richtigen Weg unterwegs. Doch er und das Team haben großes Glück, nach 2,5 km führt der Umweg wieder zurück auf den Rennsteig so dass es am Ende nur etwa 500 Extrameter sind. Stefan Milch übernimmt in Masserberg noch auf Platz 6 liegend, doch zwei weitere Teams sind von hinten herangerückt und nur eines davon kann er auf seiner Etappe auf Distanz halten.
So geht Jan Voigt auf Platz 7 liegend auf die Königsetappe zum Oberhofer Grenzadler. Hier geht es zunächst 13km bergan bis zum höchsten Punkt des Rennsteigs nahe des Großen Beerberges, dann geht es steil hinab, bevor es vom Oberhofer Stern nochmals einen steilen Gegenanstieg zum Stein 16 gibt. Jan kann die Platzierung halten und nach dem Wechsel in Oberhof um 13:35 Uhr kann das erste Mal ein Ausblick gewagt werden, wohin es in diesem Jahr gehen kann.

Zeitlich liegen wir auf die Minute gleich auf wie bei unserer Premiere vor zwei Jahren, als wir die 12 Stunden-Marke um nicht mal vier Minuten verpassten. Die verbleibenden vier Etappen gehen nun überwiegend bergab, wie viel ist hier noch zu holen? Für uns unterwegs ist nun Konstantin Kniese, der erst am Tag zuvor für einen unserer Nachwuchsläufer eingesprungen ist. Und er macht den Unterschied! Fast 5 Minuten schneller als unsere Läufer der letzten Jahre ist er unterwegs und verschafft uns so den entscheidenden Vorsprung gegen die Uhr. Um 14:30 Uhr übergibt er an Frank Leppla, achteinhalb Stunden liegt da der Startschuss bereits zurück, das Weckerklingeln gar über zehn. Und während Frank in Windeseile seinem Ziel und der nächsten Wechselzone entgegeneilt, kann auch der Rest der Läufergemeinschaft keine Pause machen. Denn anders als während der Startetappen werden die Anfahrten zu den Wechselzonen deutlich weiter, der Rennsteig verläuft hier fernab von befahrbaren Straßen. Und die Etappen sind verhältnismäßig kurz.

Auto Eins, das Frank zum Start gebracht hat, fährt nun zum Wechsel 8, um Frank wieder abzuholen. Dort wartet schon Auto Zwei, um Läufer 9 genügend Zeit zu geben, sich warmzumachen. Auto Drei ist da schon auf dem Weg zum letzten Wechsel, damit auch der Schlussläufer nicht im Verkehr stecken bleibt.
Zu Etappe 9 startet Tobias Hartig. Dies ist die Etappe mit dem meisten Abstieg, starten jedoch tut sie mit einem richtigen Brett. Direkt nach dem Start wollen noch einmal 200 Höhenmeter erklommen werden, wohlgemerkt auf nur 1,5 km Länge. Wer sich hier nicht richtig warm gemacht hat, der wird bestraft. Wenn das Laktat bereits nach 1,5 km in die Beine schießt, werden die folgenden 17,5 km auch mit Gefälle nicht mehr wesentlich angenehmer. Und jeder Gegenanstieg tut dann doppelt weh. Tobi kannte die Etappe schon aus dem Vorjahr und meisterte sie sogar noch etwas schneller.
Um 16:51 Uhr beendet Tobias seine Etappe und übergibt auf Schlussläufer Lars Wichmann. Über eine Stunde Zeit hat unser jüngster Läufer in diesem Jahr nun, um das ersehnte „Unter 12 Stunden“-Ziel nach Hause zu bringen.

Um 17:45 Uhr stehen neun Läufer unserer Staffel vorm Zieleinlauf, behalten gespannt die Ecke im Auge, um die Lars auf die Zielgerade einbiegen wird.
17:50 Uhr: Gleich wird er da sein!
17:51 Uhr: Lange kann es nicht mehr dauern!
17:52 Uhr: Es muss ja kein 4:00er Schnitt sein. Etwas langsamer reicht ja auch!
17:53 Uhr: Was ist, wenn er sich verletzt hat?
17:54 Uhr: Was, wenn er sich verlaufen hat?
17:55 Uhr: Die Nervosität ist doch schon merklich angestiegen, als endlich, nach endlosen, nervenaufreibenden Minuten, ein bekanntes Gesicht um die Ecke biegt.
Um 17:56:03 Uhr passiert Lars die Ziellinie, begleitet von den übrigen Läufern unserer Staffel. Glücklich und erschöpft sind nun alle, Lars schaut obendrein noch etwas schmerzverzerrt. Er ist nach 5 km tatsächlich umgeknickt. Gott sei Dank nicht so schlimm, dass sich der Schmerz nicht rauslaufen ließ, etwas ausgebremst hat es ihn aber dennoch. Aber das große Ziel ist erreicht: Platz 8 und unter 12 Stunden!
Im nächsten Jahr wird es weit schwieriger werden, dieses Ziel zu erreichen. Dann wird der Rennsteig aus logistischen Gründen in die andere Richtung belaufen. Das bedeutet nochmal mehr Höhenmeter für die zehn Läufer.

Gemeinsam feierte man im Ziel noch den Erfolg gegen die Uhr. Ein Bier für die Läufer, ein alkoholfreies für die Läufer, die noch fahren müssen. Eine Schale Gulasch als Stärkung gab es für alle Läufer noch obendrauf. Und wie bestellt kam zum ersten Mal an diesem Tag die Sonne durch. Lauschige 15 Grad, T-Shirt-Wetter. In den Höhenlagen des Rennsteigs waren es den ganzen Tag über etwa 8 bis 10 Grad bei Nebel und vereinzeltem Regen. Wetter, das man als norddeutscher Wintersportler aber von diversen Harzer Crossläufen im Oktober und November zu genüge kennt und einen nicht weiter ausbremst.
Zurück in Braunschweig war es bereits knapp 22 Uhr. Der klingelnde Wecker 18 Stunden zuvor lag da schon fast in surrealer Ferne, derselbe Tag schien es nicht zu sein. Nur das gesteigerte Bedürfnis nach Schlaf war unverkennbarer Indikator. Erschöpft, aber zufrieden nahm man das Bett in Empfang.

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